Wertarbeit Ibbenbüren

„Wertarbeit“ holt Langzeitarbeitslose aus der Schublade des Vergessens

In Hauswirtschaft macht ihr niemand was vor. Das hat sie gelernt. Aber immer, wenn sich Elisabeth F. bei einem Arbeitgeber vorstellte, endete die Bewerbung mit einer Absage. So ging das von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr – am Ende war sie das, was im Behördendeutsch als „langzeitarbeitslos“ bezeichnet wird. Stempel drauf, Schublade zu. Doch Frau F. hat sich aus dieser Schublade des Vergessens befreit. Mit Hilfe der „Wertarbeit“, dem Sozialunternehmen des Kreises Steinfurt.

Elisabeth F. klingt nicht verbittert, sondern einfach nur realistisch. „Als alleinerziehende Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern hat man eben einen schweren Stand, da tun sich die Arbeitgeber mit einer Festanstellung sehr schwer“, sagt sie im Rückblick auf ihre Arbeitssuche.

Hartz IV: Das tat weh
Mit drei 450-Euro-Jobs gleichzeitig hat sie sich und ihre beiden Kinder daher über Wasser gehalten. Zusätzlich war sie auf Leistungen aus Hartz IV angewiesen. Das tat weh, das ging an ihr Selbstwertgefühl. „Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, dem Staat auf der Tasche liegen, das gab es bei uns nicht. Ich wollte immer von meiner eigenen Arbeit leben können“, betont sie.

Das hat sie jetzt geschafft: Seit einem halben Jahr hat sie wieder einen festen, sozialversicherungspflichtigen Job. Als Hauswirtschafterin im Familienzentrum in Laggenbeck. Klar ist für sie: „Ohne die Hilfe der ‚Wertarbeit‘ hätte ich das wohl niemals geschafft!“ Jeder in der Gesprächsrunde im Haus der „Wertarbeit“ in Ibbenbüren sieht, wie froh die junge Frau ist.

SPD für öffentliche Förderung
Die Gesprächsrunde: Sie besteht aus dem Team der „Wertarbeit gGmbH“ um Geschäftsführer Bernd Moorkamp, ferner aus Tilman Fuchs, dem Sozialdezernenten des Kreises, aus Thomas Ostholthoff, dem Leiter des Jobcenters beim Kreis Steinfurt, und aus Mitgliedern der SPD-Kreistagsfraktion. Für die SPD-Besucher um Fraktionschefin Elisabeth Veldhues steht fest: „Es ist sinnvoller, öffentliche Beschäftigung zu fördern als Geld in die Finanzierung von Arbeitslosigkeit zu stecken.“

Denn genau darum geht es bei der „Wertarbeit“, wie Geschäftsführer Bernd Moorkamp deutlich macht. Langzeitarbeitslose oder auch schwer behinderte Menschen, die schlechte Chancen auf dem regulären, dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt haben, werden bei diesem seit 2014 tätigen Sozialunternehmen des Kreises Steinfurt angestellt. Gefördert werden ihre Beschäftigungsverhältnisse aus öffentlichen Mitteln: Jährliche Zuschüsse durch den Kreis Steinfurt, für 2017 gedeckelt auf maximal 280 000 Euro. „Mit diesen Eigenmitteln des Kreises werden gut 30 Prozent Erlöse erzielt und noch einmal 52 Prozent Bundes- und Landesmittel akquiriert“, so Moorkamp.

Behutsame und intensive Betreuung
Menschen wie Elisabeth F. werden bei „Wertarbeit“ Schritt für Schritt fit gemacht für die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt. Sie werden behutsam und intensiv betreut. „Viel intensiver, als wir das in den Jobcentern können“, räumt Thomas Ostholthoff ein. Ein Betreuer für maximal 20 Personen, so lautet der Personalschlüssel bei „Wertarbeit“. Davon, sagt der Chef des Kreis-Jobcenters, könne man im Jobcenter nur träumen. „Diese enge Begleitung, zugeschnitten auf den Menschen, macht unseren Erfolg aus“, ist Geschäftsführer Moorkamp sicher.

Er kann diesen Erfolg auch beziffern: Schon 56 Prozent aller bisher bei „Wertarbeit“ betreuten Personen konnten dauerhaft in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Die Beschäftigungsfelder sind vor allem haushaltsnahe Dienstleistungen, Betreuungsleistungen für alte oder behinderte Menschen, Hausmeisterdienste, Verwaltung oder auch ein Sozialkaufhaus. „Wir haben viele Ideen für weitere Beschäftigungsmöglichkeiten“, so Moorkamp.

Politisch unter Druck
Jeder sozialversicherungspflichtige Arbeitsplatz, der auf diese Weise vermittelt wird, ist wichtig. Für die betroffenen Menschen, aber auch für unsere Gesellschaft. Und die Sozialhaushalte des Kreises werden ebenfalls entlastet“, betont Elisabeth Veldhues. Die SPD wolle mit ihrem Besuch auch ein Zeichen setzen, sagt sie.

Denn die „Wertarbeit“ steht politisch unter Druck. Ob es nach Auslaufen der Förderung durch den Kreis (Juni 2018) weitergeht, ist ungewiss. Geht es nach CDU und FDP, kann es einen Fortbestand nur ohne weitere Subventionierung geben.

Geschäftsführer Moorkamp macht das Sorgen. „Wir wünschen uns von der Politik einen Beschluss, der uns, aber auch unseren Kooperationspartnern und Kunden, eine langfristige Perspektive ermöglicht.“ Eine Grundsatzentscheidung übrigens, die auch Sozialdezernent Tilman Fuchs für sinnvoll hält: „Nehmen wir dafür Geld in die Hand oder nicht?“

Diskussion über Klostercafe schadet
Und noch eine Hoffnung hegt Moorkamp: Dass die „Wertarbeit gGmbH“ nicht immer nur im Zusammenhang mit dem Klostercafe in Gravenhorst gesehen wird. „Die Diskussion darüber hat uns sehr geschadet.“ Noch bis September betreibt „Wertarbeit“dieses Cafe, das partout nicht aus den roten Zahlen herauskommt. Für SPD-Chefin Elisabeth Veldhues steht fest:„Das Defizit hat nichts mit der Wertarbeit zu tun. Es ist einfach schwer, in Gravenhorst ein wirtschaftlich erfolgreiches Cafe zu führen.“

Zum Foto:

Mitglieder der SPD-Kreistagsfraktion um die Vorsitzende Elisabeth Veldhues (vorne, 3.v.l.) informierten sich jetzt in Ibbenbüren über das Sozialunternehmen „Wertarbeit“. Dessen Geschäftsführer Bernd Moorkamp (hintere Reihe, 2.v.l.) schilderte die aktuelle Situation.